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Höher, weiter, schneller - Rad am Ring 2022

Was soll man über den Mythos Nordschleife noch groß sagen? Die längste permanente Rennstrecke der Welt löst seit Jahrzehnten bei Sportfans aus der ganzen Welt eine ganz besondere Faszination aus. Wieso sollte das an uns Radsportlern vorübergehen? Beginnen wir mit den reinen Zahlen: 26 Kilometer, 92 Kurven, 560 Höhenmeter. Und keine dieser Zahlen kann beschreiben, was wir dort vorfanden.


Mit dem wohl größten Planungsaufwand der Clubgeschichte, starteten wir in ein Abenteuer, das für die allermeisten von uns völliges Neuland war. Drei Viererstaffeln für das 24-Stunden Rennen sowie ein Einzelstarter über die 150-Km-Distanz umfasste unser Team. Die Anreise erfolgte am Freitag. Mit sieben PKWs, zwei VW-Bussen und einem Anhänger wurde Equipment und natürlich auch das "CCC-Personal" zum Ring geschafft. Dort warteten gut 100 Quadratmeter Asphalt auf uns, um uns die nächsten 48 Stunden ein "Zuhause" zu sein. Was bedeutet das genau? Wir hatten vom Teamzelt, über Beachflags, Stühle, Tische, Kühlboxen, Verpflegung, Getränke, Kaffeemaschine, Fahrräder, Werkstatt, Liegen, Matratzen, noch mehr Zelte, bis hin zum letzten Energieriegel alles dabei. War das übertrieben? Klare Antwort – nein. Gut, es blieben vielleicht am Ende zwei Kilogramm Nudeln übrig. Wenn man aber bedenkt, dass acht Kilo gegessen wurden, relativiert sich selbst das.


Es war Freitag, das Camp stand am Abend, die Startunterlagen wurden abgeholt, man drehte eine Runde über die Radmesse, aß eine letzte Currywurst und schmiedete Pläne. Wie sollten wir vorgehen innerhalb der Teams? Wer sollte beginnen und die erste Runde vom Start weg fahren, wer die zweite und wie viele am Stück? All diese Fragen führten zu einem langen Abend mit viel Gesprächsbedarf, aber auch dazu, dass die Vorfreude auf Samstag, 12.54 Uhr stieg. Dies war der Zeitpunkt, zu dem die 24-Stunden Starter auf die erste Runde geschickt wurden. Überflüssig zu erwähnen, wie es sich anfühlt, mit tausenden Fahrern auf der Start-Ziel-Geraden der Grand Prix Strecke des Nürburgrings zu stehen und unter der Beschallung von Kenny Loggins "Danger Zone" loszurollen. Jeglicher Versuch, hierfür Worte zu finden, würde scheitern.


Da ging es also dahin. Die ersten 26 Kilometer brachen an. Die Sonne stand senkrecht und der Asphalt war für Höchstgeschwindigkeiten ideal temperiert. Man muss wissen, dass die Nordschleife exakt zwei gegensätzliche Gesichter hat. Entweder man fährt bergab oder man fährt bergauf. Dazwischen gibt es nichts. Wer jetzt glaubt, dass sich die 560 Höhenmeter aber gut verteilen, der outet sich, nie den Ring befahren zu haben. Gleich nach der Abzweigung von Grand Prix Strecke in die "Grüne Hölle" geht so richtig die Post ab. Es geht runter. Nein, nicht das "Runter", das man aus seiner Radregion kennt. Das "Runter" bei dem man den Mund besser geschlossen hält, die Daumen drückt, dass man mit keiner Fliege kollidiert, weil sich jeder Treffer anfühlt als würde auf einen geschossen. Ihr kennt den Moment in der Achterbahn, bevor es abwärts geht? So ein "Runter"! Fast 12,5 Kilometer lang. Mal mehr, mal weniger steil. Und dann gibt es da noch die sogenannte "Fuchsröhre". Die ist nochmal ein ganz besonderes "Ungetüm". Dem einen treibt sie den Schweiß auf die Stirn, dem anderen ein breites Grinsen ins Gesicht. Sagen wir mal so, 98,6 Kilometer in der Stunde war zwar der Höchstwert, 90 km/h aber bereits die Regel. Wer hier bremst, fährt nicht unbedingt sicherer…


So zieht es sich Meter um Meter dahin, bis der Spieß sich dreht. Es geht nun wieder aufwärts. Erst dieses "Rauf", das wir alle kennen. Kilometer lang vielleicht fünf bis sechs Prozent. Aber dann kommt die "Hohe Acht". Das ist eher jenes „Rauf" bei dem man sich fragt, wo die Straße hin ist. Also eines, wo man nach ein paar Sekunden merkt, dass das da vorne gar keine Wand ist, sondern die Strecke. Nicht besonders lang. Aber wie lang können ein paar hundert Meter bei bis zu 17 Prozent Steigung schon werden. Oben angekommen liegt der Puls in einem Bereich, wo der Blick auf die Uhr, um ihn zu überprüfen, zu anstrengend erscheint. Man ist zwar froh, dass es ganz kurz wieder runter geht. Aber der Kopf ist leer, alles schmerzt und welches "Runter" es hier meist gibt, haben wir ja eben erwähnt. Also schnell wieder in den Unterlenker, Abfahrtshocke, um im bald kommenden Gegenanstieg wenig Kraft zu brauchen. Fast sind wir damit auch schon durch. Aber eben nur fast. Da ist dann noch diese "Döttinger Höhe". Nichts Wildes. Nur eine lange gerade von knapp drei Kilometern. Ach, und mit 2-3 Prozent Steigung. Und permanentem Gegenwind. So breit wie eine Autobahn, so gerade wie eine gespannte Schnur. Bis zum Horizont also nur Asphalt. Man muss kein Prophet sein, um vorhersagen zu können, dass die Windschattenspender rar gesät sind. Jeder möchte sich hinter dem anderen verkriechen, um seine Beine zu schonen, sofern da überhaupt noch was zum Schonen drin steckt. In einer frühen Rennrunde sicherlich ab und an noch akzeptiert, möchten wir an dieser Stelle nicht erwähnen, wie deutlich gegen Rennende die Worte gewählt werden, wenn man den Mann oder die Frau am Hinterrad nicht duldet…


Dann ist sie vorbei, die Runde. Es geht auf die Start-Ziel-Gerade zur Übergabe der Transponderflasche. Natürlich im fliegenden Wechsel. Die Teams entschieden sich dazu, immer eine Runde pro Stint zu fahren. Das ermöglicht schnellere Rundenzeiten, kostet aber viel Kraft, da 26 km im "All-out-Tempo" eine echt lange Distanz werden können. Wir sammelten Runde um Runde, die Sonne ging langsam unter, die ersten Nudeln füllten die Speicher, Trikots wurden getrocknet oder gewechselt und die Dämmerung brach herein.


Im Camp herrschte geschäftiges Treiben. Alle präparierten die Bikes mit ihrer Beleuchtung, legten die Dinge für die Nacht zurecht und besprachen neue Einsatzzeiten ihrer Fahrer. Das Rennen näherte sich der Halbzeit. Um kurz zu sagen, was das bedeutet: Jeder Fahrer hatte mindestens bereits 1.700 hm in den Beinen auf einer Distanz von nur gut 75 Kilometern. Dennoch war man gespannt, wie es sein würde, die nun bekannte Runde einmal im Dunkeln zu absolvieren. Und es war magisch. Der Trubel des Tages völlig verflogen, windstill und bis auf die Lichtkegel der Fahrradbeleuchtungen stockfinster. Eine Perlenschnur roter Rücklichter rauschte entweder schweigend hinab oder atmete sich schwer die Anstiege hinauf. Es fühlte sich wie eine Nacht im Wald an. Oder sagen wir besser, wie auf einer verlassenen Autobahn, die durch einen Wald führt. Irgendwann kommt dann aber ein kleines Problem: So eine Nacht ist einfach länger als nur eine Runde. Fährt man die zweite innerhalb von drei Stunden, weil zwei Teamkollegen sich gerade mal schlafen gelegt haben, dann wird aus der ganzen Magie schnell Ernüchterung. Denn diese Fuchsröhre schläft einfach nicht. Auch die 17 Prozent an der Hohen Acht sind dauerwach. Und genau hier beginnt der Schweinehund so richtig zu tanzen. Entweder nimmt man nun raus und gönnt sich ein kleines Päuschen oder aber man versucht die Zeiten halbwegs stabil zu halten. Und ja, was soll man sagen? Wir sind der CCC. Ein kleines Beispiel gefällig? Vielleicht gerade deshalb so gewählt, weil es der Autor selbst erlebt hat: 2.05 Uhr – Rundenende. 2.30 Uhr – Bettruhe (besser wäre "Pritschenruhe" mit unbequemem Schlafsack). Einschlafen – kaum möglich, denn andere fahren ja gerade im Renntempo circa 25 Meter am Zelt vorbei. 5.20 Uhr – Weckruf durch ein anderes Teammitglied mit der Info, dass die eigene nächste Runde um circa 5.40 Uhr beginnt. Nun ist spätestens der Punkt erreicht, wo man mit großer Demut auf sein normales Leben blickt und sich unsäglich glücklich schätzt, dass zuhause ein schönes Bett steht, der Kaffee am Morgen aus der Maschine kommt und man meist sogar noch die Zeit vor der Arbeit hat, etwas zu essen. Aber heute nicht. Es geht in die klammen Radklamotten und an Körperhygiene verschwendet man nicht mal mehr einen Gedanken. Zum Frühstück gibt es ein leckeres Gel von Powerbar und schon sitzt man wieder auf dem Esel. Es kommen weitere Sinnfragen auf…


Die Nacht ist vorbei, die Sonne wieder da. Man erfreut sich an der ersten Wärme des Tages. Das Team ist wieder in voller Mannschaftsstärke wach und man wagt einen vorsichtigen Blick auf die Zwischenstände des Rennens. Zur Verwunderung aller, musste man das erste CCC-Team nicht lange auf den Listen suchen. Wir hatten uns in eine Top-25 Platzierung gefahren. Vermutlich hatten wir etwas Schlaf gegen absolvierte Runden eingetauscht und die Konkurrenz zum Großteil hinter uns gelassen. Was war also als nächstes zu tun? Am besten bei noch circa fünf verbleibenden Rennstunden möglichst viele Runden zu sammeln. Wer weiß, was vielleicht noch alles ginge. Blöd nur, dass der Geist vielleicht willig war, der Körper inzwischen aber arg geschwächt. Nichts half mehr, weder Nudeln (wer will die auch schon morgens um acht essen?), noch Gels oder Toast. Essen wurde allmählich ohnehin zur Quälerei. Es gab nur eine Option: Irgendwie fahren ohne groß zu denken – Überlebensmodus.


Am Ende kam es dann, wie es kommen musste. Man befand sich inzwischen in den Top-20. Das Rennen sollte um exakt 12.15 Uhr abgewunken werden und die Rechnerei begann. Ergebnis: Wir benötigten vier Rundenzeiten. Zweimal mit circa 55 Minuten und zweimal mit circa 50 Minuten. Dann hätten wir die Möglichkeit vor der Zielflagge noch einmal die Linie zu passieren, um eine letzte Runde zu Ende fahren zu können. Es wäre dann die insgesamt 28. Was dann passiert ist, hätte aus einem Hollywood-Drehbuch stammen können, das ja ohnehin so gut wie immer Happy-End Charakter hat. Wir erörterten also den Beinstatus des Personals und kamen zu dem Schluss, dass unser Member Erik L. die Mission starten sollte. Die versammelte Truppe motivierte Erik und schickte ihn auf seine Runde. Inzwischen war längst zweitrangig, dass wir insgesamt drei Teams und einen Einzelfahrer stellten. Wir waren nur noch ein eingeschworener Haufen, der längst vergessen hatte, dass es um die "goldene Ananas" ging. Wir wollten es uns nun einfach selbst beweisen. Zwölf Männer saßen vor ihren Smartphones und spekulierten beim Betrachten des WhatsApp Livestandortes vom aktiven Fahrer auf seiner Runde, ob es wohl reichen würde. Fuchsröhre, Kesselchen, Hohe Acht, runter, Döttinger Höhe. Erik war zurück, sprintete zur Übergabe und schickte den nächsten auf seine Runde. Gut, dass das hier eine Story zum Lesen ist und wir Euch Erik nicht in Bildern nach der Ankunft präsentieren können. Aber die 55 stand und das Vorhaben von 28 absolvierten Runden lebte. Wir brauchten jedoch noch mehr davon. Auserkoren für den nächsten Ritt wurde Marvin L., der nun mit fremdem Bike, geliehenen Schuhen, aber unerschütterlicher Zuversicht und Motivation nochmal alles aus sich herausholte. Wir brauchten die 55, wir bekamen die 55. Es ging weiter. Martin S., der zuvor bei allen seinen fünf vorangegangen Runden stets unter 50 Minuten blieb, musste noch einmal ebensolches tun. Mit chirurgischer Präzision stand am Ende eine 49-irgendwas. In ähnlichen Sphären bewegte sich Simon B., der nun den Bogen bis zum Äußersten spannen durfte. Ihm gelang es auch schon mehrfach, die 50-Minuten Marke zu unterbieten. Dieses Mal musste es auch nur bis zur Zielgeraden reichen und nicht bis zum Camp, sodass wir dadurch vielleicht 90 Sekunden Zeit gewannen. Auf der langen Döttinger Höhe angekommen, standen für Simon noch knapp zehn Minuten zur Verfügung. Hier musste nun alles passen. Keine Krämpfe, kein Hungerast und nach Möglichkeit Windschatten. Dafür kam Julian W. nun ins Spiel. Unser Einzelstarter, der Tags zuvor bereits die Nordschleife sechsmal in Folge umrundete, stand für einen kleinen, wenngleich auch (pssst!!) halb legalen Kniff zur Verfügung. Er fuhr bereits vor Simon's Rundenbeginn zur Hohen Acht vor, um dort oben auf ihn zu warten. Die restliche Runde war also gewährleistet, dass für Simon ein Helfer zur Seite stand, der ihn ins Ziel pushen konnte. Vielleicht waren es die längsten zehn Minuten des Jahres, vielleicht auch einfach völlig wahnsinnig, sich so für eine weitere absolvierte Runde ins Zeug zu legen. Was dabei rauskam war aber, eine freie Sicht für die beiden CCCler auf die große Uhr über der Ziellinie, die 12:13 und ein paar Sekunden anzeigte als sie unter ihr vorbeirauschten. Das Vorhaben war also so gut wie geglückt. Die letzte Runde musste lediglich bis 13.30 Uhr zu Ende gefahren werden, wofür sich Andreas F. bereiterklärte. Ihn geleiteten Raimund K., Jens D. und Jan D. Im Zielbereich warteten Lars P., Sven L., Sebastian B. und Thomas D., sodass das gesamte Team gemeinsam zum aller letzten Mal die Linie überquerte.


Ende vom Lied: Platz 18 von 190 in der Klasse Master 1 und Platz 34 von 495 in der Gesamtwertung. Wäre der Einstand des Café Cycle Clubs nicht zusätzlich im Classement hervorragend gelungen, so war er es aber mit Sicherheit in Sachen Teamzusammenhalt und Erlebnis. Ausnahmslos jeder der beteiligten Pioniere hätte noch vor Ort seine Teilnahme fürs kommende Jahr unterschrieben.


So brutal der Kampf gegen die Uhr und die Strecke in der Eifel auch sein mag, so unbeschreiblich ist der Spirit, der in einem Team in 24 Stunden entstehen kann. Wir im CCC würden niemals jemandem etwas vorschreiben, aber Rad am Ring „MUSS“ man erlebt haben :-).