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Süddeutschland-Rundfahrt - mein Erfahrungsbericht

Aktualisiert: 30. Dez. 2021

Die Inspiration

Als Hobby-Triathlet ist es immer wieder eine Kunst, zeitintensive Sportarten mit einer Vollzeitstelle zu kombinieren. Als Sozialarbeiter in der ambulanten Jugendhilfe werde ich beruflich insbesondere mental und weniger körperlich gefordert. Hier bietet mir der Sport sowohl im Alltag als auch in Form des Reisens einen tollen Ausgleich. Außerdem schätze ich es immer sehr, mich selbst herauszufordern.


Tendenziell neige ich dazu, mich im Sport besonders zu quälen und würde zu keinem Anstieg „Nein“ sagen. Deshalb fahre ich bereits seit mehreren Jahren immer wieder mit organisierten Gruppenfahrten des fantastischen Reiseanbieters quäldich.de meine verschiedenen Radreisen. So habe ich auch im letzten Jahr eine Korsika-Rundfahrt gebucht, die Corona bedingt leider nicht stattfinden konnte. Relativ spontan entschied ich mich, dieses Geld sinnvoll zu nutzen und meine Rädersammlung durch ein Gravelbike von Rose zu erweitern. Von Anfang an war dies als Winterrad und für das Bikepacking angedacht.


Aus beruflichen Gründen bin ich im April nach Duisburg gezogen. Zuvor habe ich in der schönen Rhön und davor für das Studium auf der schwäbischen Alb gewohnt. Entsprechend war es für mich eine riesige Umstellung, nun quasi nach Anstiegen suchen zu müssen. Dies war zuvor das absolute Gegenteil.


Glücklicherweise warb mich Flo recht schnell für den CCC. Auf meiner ersten CCC-Ausfahrt sprachen wir über die Teilnahme am Kitzbüheler Radmarathon. So war ich hiervon schnell begeistert und gefühlt noch schneller angemeldet. Leider hatte ich bei meiner Vorbereitung nicht das volle Glück und wurde mit einem Radsturz bestraft. Aufgrund der daraus folgenden Muskelverspannungen entwickelte mein Körper über mehrere Wochen ein Schwindelgefühl, was meine Teilnahme am Radmarathon unmöglich machte. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, nutzte ich die Zeit, um mir eine alternative Möglichkeit des Quälens für mich zu überlegen. So kam ich auf die Idee, eine Rundfahrt durch Süddeutschland zu planen. Nun hatte ich im September das Vergnügen, diese abzufahren. Gerne möchte ich die tolle Zeit mit euch teilen und bestenfalls inspirieren, sich selbst auf den Weg zu machen. Start und Ziel meiner Reise war Hünfeld, mein Heimatort und Ursprung meiner Zeit im Sattel.


Zunächst war die Herausforderung, möglichst gewichtssparend zu packen. Das Fahrrad war mit einer Satteltasche, einer Lenkertasche und einer kleinen Tasche am Oberrohr bestückt. Als Unterkünfte nutzte ich entweder die Familie oder schaute kurzfristig nach Hotels bzw. nach Jugendherbergen.


Tag 1: Hünfeld – Nürnberg 211, 28 km – 1.800 hm – Fahrtzeit: 8:28:57 h

Mein erster Tag begann zunächst – frisch. Ich kam recht schwer aus den Federn, wodurch sich meine Startzeit um ca. eine Stunde nach hinten verschob. Glücklicherweise musste ich zunächst durch die Rhön. Entsprechend wärmte sich mein Körper beim Bergauffahren schnell auf. Am Anfang fühlte sich das bepackte Fahrrad, insbesondere am Berg, recht ungewohnt an.


Inspiriert vom Extremsportler Jonas Deichmann habe ich mir angewöhnt, solche Touren in kleinere Abschnitte zu unterteilen und von Tankstelle zu Tankstelle bzw. von Schokoriegel zu Schokoriegel zu fahren. Bei einem Tourauftakt von 211km war dies gleich am ersten Tag eine mentale Hilfe. Landschaftlich war die Strecke bereits sehr abwechslungsreich. So präsentierte sich die Strecke mit der Rhön zunächst hügelig, später wurde es dann flacher, aber nicht weniger schön. Lediglich ab ca. Bamberg wurde es für meinen Geschmack etwas zu städtisch. Eine Schlafgelegenheit fand ich in Nürnberg auf der Couch in der WG meines Cousins. Abends konnte ich mich dann noch mit einem leckeren, vegetarischen Burger stärken und danach ins Bett fallen.


Tag 2 : Nürnberg – München 174,92 km – 1.370 hm – Fahrtzeit: 7:07:01 h

Da ich wusste, dass ich heute weniger Kilometer zurückzulegen muss, bin ich heute schon wieder etwas später aufgestanden. Die Nacht auf der Couch war durchwachsen, aber dennoch ausreichend erholsam. Zu meinem Glück begann die Fahrt von Anfang an mit Gegenwind. Dies zog sich durch bis München. Somit war es im Laufe des Tages immer wieder eine Herausforderung, mich selbst zu motivieren, um gegen den unsichtbaren Feind anzukämpfen. In anderen Momenten freute ich mich dann wieder über das fantastische Brennen in den Oberschenkeln. Die Route lief tendenziell durchgehend leicht aufsteigend, leider ohne extreme Steigungen. Besonders gefreut habe ich mich, durch die Triathlonregion Roth zu fahren, da dies direkt einen besonderen Flair mit sich bringt. Glücklicherweise war mein Rad mit Zeitfahraufsatz ausgestattet, wodurch ich mich etwas aerodynamischer durch den Wind kämpfen konnte. Irgendwann schlängelte sich die Strecke dann immer in der Nähe der A9, jedoch mit ausreichend Abstand, um nicht gestört zu sein. Kurz bevor ich in München angekommen bin, konnte ich bei klarem Himmel für einen kurzen Moment die ersten Berge der Alpen erblicken, was mich jede Qual des Tages vergessen lies. Am Abend kam ich bei meinem Bruder unter, der mich bestens versorgte.


Tag 3: München – Garmisch-Partenkirchen 135,25 km – 1.068 hm – 5:39:25 h

Am dritten Tag wurde ich besonders dadurch angetrieben, die Alpen endlich zu erreichen. Zunächst musste ich in der geplanten Streckenführung etwas umplanen. Mein ursprünglicher Plan war es, nach Innsbruck zu fahren. Da dort aber die Suche nach einer Unterkunft sehr schwierig war, plante ich kurzfristig um und verlegte das Etappenziel stattdessen nach Garmisch-Partenkirchen.


Bereits beim Verlassen von München konnte ich den ersten längeren Blickkontakt mit den Alpen genießen und erreichte die Bergformation schneller als ich zunächst erwartet hatte. Um noch ein paar Kilometer mit einzusammeln fuhr ich zunächst zum Tegernsee. Aufgrund der schönen Atmosphäre kehrte ich hier in den Biergarten der Tegernseer Brauerei ein und stärkte mich mit Bier und Flammkuchen. Etwas angetrieben wurde ich durch eine Regen- und Gewitterfront, die sich ab dem späten Nachmittag in und um Garmisch angekündigt hatte. Vom Tegernsee orientierte sich die Strecke an den Flüssen Weißach und Walchen. Dabei hüpfte ich immer zwischen Deutschland und Österreich hin und her. In einer Abfahrt kam ich dann zu einer Vollsperrung der Straße. Grund hierfür war ein Motorradunfall. Glücklicherweise waren die Rettungskräfte bereits im Einsatz. Als Radfahrer durfte ich die Sperrung noch schnell passieren bevor der Rettungshelikopter landete. Hinzu kam, dass ich wenig bis keine Rücklagen an Flüssigkeit mehr hatte. Glücklicherweise lernte ich unterwegs einen anderen Rennradler kennen, der mir einen Teil seines Trinkens spendierte.


Ein großer Vorteil war die, durch die Sperrung, verkehrsarme Strecke. Hierdurch konnte ich die Landschaft auf mich wirken lassen und genug Kraft aus ihr ziehen. Plötzlich stand ich aber vor der nächsten Sperrung. Die Route wurde (stellenweise) gerade frisch geteert und als Umleitung hätte ich eine Bergformation komplett umfahren müssen. Nach einiger Verhandlung mit den zuständigen Bauarbeitern durfte ich die Baustelle dann doch passieren und meine Fahrt nach Plan fortsetzen. Vermutlich sah ich mit meiner Ausstattung bemitleidend genug aus, um mich passieren zu lassen. Trotz all den Sperrungen, schaffte ich es noch vor dem Unwetter anzukommen. Zum Glück wusste ich, dass abends im Hotel eine Sauna auf mich wartete, wodurch auch am einen oder anderen Abschnitt etwas mehr Watt getreten wurden. Natürlich hatte ich trotzdem unterwegs meine Hochs und Tiefs.


Während meines Abendessens bei einem nahegelegenen asiatischen Restaurant zog dann ein starkes Gewitter auf. Ich war sehr froh, bereits angekommen zu sein. Diese Zeit nutzte ich, um die nächste Etappe wegen mehrerer Unwetterwarnungen am nächsten Tag umzuplanen.


Tag 4: Garmisch-Partenkirchen – Lindau 145,42 km – 1.652 hm – 6:12:10 h

So wollte ich ursprünglich meine Tour nach Lindau mit einem Abstecher nach Oberstdorf absolvieren. Dadurch erhoffte ich mir ursprünglich den Riedbergpass von der ToDo-Liste streichen zu können. Leider zeigten alle Wetterapps auch am heutigen Tag noch starke Unwetterwarnungen an, insbesondere im Raum Oberstdorf. Deshalb fuhr ich stattdessen über den Königsee. Trotz etwas kürzerer Strecke sollte der Tag recht lang werden, doch eins nach dem anderen.


Die vierte Etappe war mein persönlicher Kampf gegen das Wetter und meinen mentalen Feind. So startete ich bereits im strömenden Regen. Das Wetter wurde auch über den gesamten Tag nicht wirklich besser. Die Route schlängelte sich südlich nach Österreich und dann leicht nord-östlich, bis ich bei Pfronten wieder in Deutschland einreiste. Kurz nachdem ich Pfronten passiert habe, wurde ich mit einem platten Reifen beglückt. Dies ist zunächst für mich noch kein Problem, leider hat meine Fahrradpumpe aber nicht ihre Arbeit erfüllt und stattdessen immer wieder das innere Teil des Ventils mit herausgedreht. Glücklicherweise war ich noch bis in einen kleinen Ort gekommen, der einen, eher inoffiziellen, Fahrradladen hatte. Leider war ich zum Zeitpunkt der städtischen Mittagspause angekommen, wodurch ich eine 1,5-stündige Zwangspause einlegen musste, die mir durchnässt bei der Kälte nicht gerade Spaß machte. Außerdem war ich skeptisch, ob der Fahrradladen wirklich existierte, da es sich hierbei lediglich um ein Garagentor mit Klingel handelte.


Ich hatte Glück und das Garagentor öffnete sich pünktlich. Nach dem Kauf von eines neuen Schlauchs sowie Pumpe sowie dem Aufpumpen des Reifens konnte ich endlich die Reise nach Lindau weiterführen. Ein komisches Bauchgefühl jedoch blieb. Zwar war die Laune weiterhin im Keller, mit dem hügeligen bis bergigen Streckenverlauf hatte ich aber trotzdem ein Strahlen im Gesicht. In Lindau angekommen lag das Hotel dann etwas abseits von Lindaus touristischen Teilen, was mir persönlich zugutekam. Abends ging es dann nur noch in eine Pizzeria und mit vollem Bauch ins Bett.


Tag 5: Lindau – Dürmentingen 125,59 km – 1.014 hm – 5:08:09 h

Die Strecke von Lindau nach Dürmentingen war von Anfang an als Ruhetag geplant. Der Tag begann nach einem ausgewogenen Frühstück damit, mein Fahrrad mit plattem Reifen aus der Garage zu holen. Leider konnte ich (noch) keinen Schaden am Mantel entdecken, wodurch ich vermutete, dass das Ventil durch den Vortag undicht war. Nach dem Einbau des Ersatzschlauchs ging es also erstmal für neuen Vorrat in einen Fahrradladen. Vor Friedrichshafen merkte ich erneut den Verlust der Luft. Diesmal konnte ich glücklicherweise den Bösewicht finden bzw. hören. Im Mantel steckte ein Holzsplitter. Nach der Reparatur ging es dann endlich mit etwas besserem Gefühl weiter.


Entlang des Bodensees schlängelte sich die Strecke immer zwischen Wasser und Weinbergen recht flach bis nach Ludwigshafen. Besonders ärgerten mich die vielen Touristen, die zu Fuß oder auf ihrem E-Bike(!!!) einen anspruchsvollen Parcour für mich entworfen haben. In Ludwigshafen gab es vor dem (kleinen) Anstieg Richtung schwäbische Alb eine kleine Stärkung beim Bäcker. Zu meinem Glück gab es Pfefferbrezeln (müsst ihr probieren) und Flammkuchen. Bis nach Dürmentingen, das in der Nähe von Biberach an der Riß liegt, wurde ich dann mit schönen Panoramen beglückt, was die restliche Ausfahrt gut abschloss. Besonders froh war ich, dass mein Reifen nun zu halten schien. Eine Unterkunft fand ich bei meiner Schwester. An Ausruhen war hier jedoch nicht zu denken, da mein Patenkind mit ihrem Zwillingsbruder im Alter von 2,5 Jahren wenig Verständnis für einen müden Radfahrer hatten. Stattdessen spielten wir gemeinsam Duplo und ich wurde zum Klettergerüst umfunktioniert.


Tag 6: Dürmentingen – Rothenburg ob der Tauber 192,13 km – 1.283 hm – 7:15:59 h

Die Nacht verlief eher – kurz. Durch die weiche Matratze fühlte sich mein Nacken gleich am Morgen recht verspannt an und ich hatte Sorge, dass die Verspannungen meines Sturzes zurückgekehrt sein könnten. Dennoch freute ich mich wieder auf die Weiterfahrt. Abends hatte ich noch eine Jugendherberge in Rothenburg ob der Tauber gebucht und wusste, dass ich bis spätestens 18 Uhr dort sein musste. Die heutige, wellige Strecke führte unter anderem durch meine alte Heimat rund um Heidenheim, in der ich für mein Studium mehrere Jahre gelebt habe. Umso gespannter war ich, was sich in den letzten Jahren so in der Gegend verändert hat.


Begonnen hat die Tour zunächst Richtung Ulm und nach einem Foto am Ulmer Münster weiter nach Heidenheim. Durch meine noch verfügbare Ortskenntnis nutzte ich die Gelegenheit für ein ausgewogenes Mittagessen in Heidenheim. Währenddessen zogen erste Regenwolken und Wind auf. Deshalb packte ich recht zügig meine sieben Sachen und machte mich weiter nach Norden Richtung Aalen, Ellwangen und dann nach Rothenburg ob der Tauber. Die Strecke bot schöne Panoramen und machte trotz flachen Höhenprofil wirklich Spaß. Abends schaffte ich es noch rechtzeitig in die Jugendherberge. Typisch für die Stadt erinnerte auch die Herberge an eine Burg. Natürlich merkte ich am Abend die 192km, hatte aber im Bett ein gemischtes Gefühl zum nächsten Tag. Zum einen freute ich mich auf den langen Tag im Sattel und wegen der vorhergesagten Kältefront war ich auch etwas froh, es fast geschafft zu haben. Dennoch war ich traurig, dass die Tour am nächsten Tag bereits endet.


Tag 7: Rothenburg ob der Tauber – Hünfeld 184,82 km – 1.494 hm – 7:25:18 h

Mit Tag 7 stand nun die letzte Etappe an. Beim ersten Schritt aus der Tür merkte ich, es wird heute kalt. Zum Glück hatte ich ausreichend lange Kleidung dabei. Ich war positiv überrascht vom Stadtbild von Rothenburg ob der Tauber mit ihrem mittelalterlichen Charakter. Die heutige Strecke führte mich zunächst zum Main und dann hieran entlang über Würzburg bis ins Sinntal. Besonders schön war es, zwischen Main und Weinbergen zu radeln. Nach etwa 100km begann mein linkes Knie leicht zu schmerzen, was bei den vielen Kilometern der vergangenen Tage vermutlich auch nachvollziehbar war. Die Schmerzen machten mir kurz Sorge längerfristigen Probleme mit sich zu bringen. Nach ein paar Dehnübungen und kurzer Pause ging es aber weiter. Insbesondere stand mir noch die Rhön bevor. Nach einiger Zeit im motivationalen Tief und etwas Entlastung des linken Knies wurde es ab ca. Fulda etwas besser. Dort habe ich mich nochmal etwas gestärkt und bin in den Endspurt gegangen. Auf den letzten Metern konnte ich mir dann noch eine Portion Pommes und ein paar Bier zur Belohnung auf einem Fest in unserem Dorf gönnen.


Abschließende Worte

Vor, während und nach der Reise hörte ich immer wieder von Leuten, dass sie Bedenken hätten, sich ein solches Abenteuer zuzutrauen. Ich möchte jedem an die Hand geben, etwas Selbstvertrauen mitzubringen und sich ausreichend auf die Tour vorzubereiten. Natürlich ist es immer schön, solche langen Fahrten in einer Gruppe zu bewältigen. Für mich war es der Reiz, die Tour alleine zu bewältigen, da bspw. Gegenwind ein stärkerer Gegner ist und man sich deutlich öfter mit sich selbst beschäftigen, sich selbst motivieren und auch selbst aus Stimmungstiefs holen muss. Wer sich alleine auf den Weg macht, lernt sich auf der Strecke selbst kennen. Dies bringt nicht nur im sportlichen, sondern auch im Alltag Ressourcen mit sich.


Euer Simon!